Das Ende der Verschlossenheit (Andacht zu Ostern)

„Hin zur Weisung! Hin zur Offenbarung!“

Es war Abend geworden an jenem Sonntag.

Abend von welchem Sonntag? Antwort: vom Oster-Sonntag! Aber „Ostern“, das Ereignis, ist bis abends noch nicht richtig durchgedrungen – kaum zu den Ohren der Jünger, gar nicht in ihre Herzen. Dabei ist das Entscheidende an jenem Oster-Sonntag längst passiert, schon morgens. Das Entscheidende: „Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!“

Schauen wir ins Johannes-Evangelium, was dort vom Oster-Morgen berichtet wird:

  • Maria Magdalena findet den weggerollten Grabstein. Sie informiert zwei der Jünger.
  • Die beiden Jünger rennen zum Grab. Es ist leer. Sie gehen wieder nach Hause.
  • Maria Magdalena erlebt durch ihren Tränenschleier hindurch den auferstandenen Christus, als er zu ihr sagt: „Maria!“ Sie erzählt es den Jüngern. Aber: Keine Reaktion. Das Lukas-Evangelium sagt es etwas drastischer: „Es erschienen ihnen diese Worte, als wär’s Geschwätz, und sie glaubten … nicht“.

Bis zum Abend: Stillstand. Christus ist auferstanden –  aber seine Jünger hocken in der Nacht des Todes. Der Tod ist besiegt – aber den Jüngern dämmert nichts. Kein Osterlicht in den Köpfen und Herzen. Das Gewäsch dieser Osterzeugin nehmen sie nicht weiter ernst. Wunschdenken! Sie, die Männer, sehen der bitteren Realität ins Auge, sie wissen, was geht und was

Die Jünger waren beisammen und hatten aus Angst vor den führenden Juden die Türen abgeschlossen.

Eine im wahrsten Sinne des Wortes sehr enge Gemeinschaft. Die Jünger sind eingeschlossen, sie haben sich selbst eingeschlossen. Und damit zugleich die anderen aus-geschlossen. Keiner kommt ohne weiteres rein oder raus. Kein Mensch und kein neuer Gedanke. Und warum? Aus Angst! Es könnte ihnen ja das gleiche Schicksal blühen wie Jesus.

Die Anhänger-innen sind da anders: Sie haben sich schon am Freitag bei der Kreuzigung in die Nähe gewagt und sich am Sonntag morgen zum Grab getraut. Bei den Jünger-innen ist die Angst vielleicht auch groß, aber noch größer sind: Mitgefühl, Trauer, Schmerz und die innere Verpflichtung, Jesus beizustehen. Vielleicht schafft das die nötige Offenheit, dann auch die Osterbotschaft an sich heran zu lassen, sie in sich aufzunehmen?
Jedenfalls: An diesem Punkt sind die Jünger nicht. Eingeschlossen sind sie. Und im Mittelpunkt ihrer Verschlossenheit: die Angst. Ich stelle mir das so vor: Wie man um ein Lagerfeuer herum sitzt, so sitzen die Jünger um ihre Angst herum. Nur eben: Von ihrer gemeinsamen Mitte geht nicht Licht und Wärme aus wie beim Feuer, sondern das Gegenteil: Die Angst ist finster und kalt. Ein schwarzes Loch, das einen in sich hinein zieht.

Geschlossene Gesellschaften neigen dazu, dass alle dasselbe denken. Man kann sich so richtig reinsteigern in seine Angst und in seine finsteren Gedanken. Da kommt kein frischer Wind rein, keine neue Idee, vor allem keine neue Erfahrung. Es könnte ewig so dumpf, bleiern, angstbeladen bleiben. Was soll schließlich noch groß passieren?

Da kam Jesus, trat in ihre Mitte …

Für mich der entscheidende Satz in dieser Geschichte. Jesus kommt hinein in die geschlossene Gesellschaft. Er durchdringt Mauern, Riegel, Verschlossenheit. Und (jetzt ganz wörtlich übersetzt): „Jesus stand in die Mitte hinein“. Wo eben das schwarze Loch des Todes war, da ist jetzt das Licht des Lebens in Person.

[Jesus] sagte: »Frieden sei mit euch!« 

Normalerweise ist dieser Gruß so etwas wie „Guten Tag!“ Aber jetzt, in diesem Moment“, da ist bei den Jüngern nicht „normalerweise“.

Zunächst mal ist wichtig, dass Jesus etwas sagt. Er schwebt nicht wie ein Gespenst durch den Raum, er ist keine diffuse Erscheinung, nichts irgendwie Übersinnliches, nichts Stummes. Sondern: Jesus wendet sich an seine Jünger, er spricht sie an!

Und dann: „Frieden sei mit Euch!“ Jesu Friedens-Wunsch oder Friedens-Zuspruch trifft ins Schwarze, er zielt hinein in die Angst der Jünger, in ihre Unruhe und Anspannung, in ihre Mut-Lücke und Hoffnungslosigkeit. „Frieden!“ – Es ist alles gut!! Jesus hatte vorher nie so zu ihnen gesprochen. Aber jetzt, in die Verschlossenheit und Angst hinein. Und hier, Sie werden’s lesen, gleich doppelt.

Dann zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite.

Warum zeigt Jesus Hände und Seite? Weil da die Verletzungen von der Kreuzigung sind. Also nochmal: Kein Gespenst! Keine Erscheinung von irgendwas. Der ermordete Jesus ist der lebendige Christus!

Zugleich sagen die Wunden in den Händen und in der Seite: Die schlimmen Verletzungen von früher, sie sind nicht einfach ausradiert und vergessen. Es ist nichts ungeschehen gemacht. Aber: Die Wunden sind geheilte Wunden! Sie waren tötlich. Und jetzt, jetzt gehören sie als geheilte Wunden zum neuen Leben.

Wenn jemand von dieser Geschichte einen Film machen wollte, und zwar getreu dem „Drehbuch“ aus Johannes 20, da wären zu Anfang die Jünger im Blick, ihre Angst, ihre Verschlossenheit. Dann wäre die Kamera ganz auf Christus gerichtet: Sein Erscheinen, sein Friedensgruß, Hände und Seite. Und jetzt: Der Schwenk der Kamera zurück zu den Jüngern:

Als die Jünger den Herrn sahen, kam große Freude über sie. 

Tatsächlich: Die Angst ist wie weggeblasen, wenigstens für den Moment. „Große Freude“ breitet sich aus. Eine stille Freude? Oder lauter Jubel? Vielleicht bei dem einen oder anderen noch ein bisschen ungläubig? Wir wissen es nicht. Vielleicht bei jedem anders. Aber bei allen: „Große Freude“!
Und wieder ein Kamera-Schwenk auf Jesus:

Noch einmal sagte Jesus zu ihnen: »Frieden sei mit euch! Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich nun euch.«  (alles: Johannes 20, 19-21)

Da wiederholt sich Jesus gern, damit es auch wirklich ankommt und haften bleibt: Frieden! Und: Jesus sendet seine Jünger aus. Das heißt: Nicht nur er selbst überwindet Schloss und Riegel, um in ihre Verschlossenheit zu kommen, er fordert sie auf, selbst nicht in ihrer Verschlossenheit sitzen zu bleiben. Wenn Christus in eine geschlossene Gesellschaft kommt, dann soll die geschlossene Gesellschaft keine geschlossene Gesellschaft bleiben. Raus gehen! Sich öffnen! Sich auf andere und anderes einlassen! Der Angst jeden Tag neu zeigen, dass sie ihre Herrschaft verloren hat. Oder, na ja, verloren haben sollte!

Bei den Jüngern hat das nicht sofort geklappt: In der nachfolgenden Geschichte eine Woche später sitzen sie schon wieder hinter verschlossenen Türen. Manche Dinge brauchen eben etwas Zeit. Obwohl Jesus lebt. Und trotz seines Geistes.

Und was geht Sie diese Geschichte an? Ich würde Sie gern zur Offenheit einer Maria Magdalena ermutigen, für die schon in aller Frühe Ostern wurde. Aber die steht nicht in unserer Geschichte. Ich finde in unserer Geschichte sowieso nichts, was gut für einen ermunternden Appell wäre. Aber dafür finde ich Hoffnung: Hoffnung für alle, die sich so in ihre Angst und ihre vier Wände eingeschlossen haben, dass ein Appell zur Offenheit sowieso wenig fruchten würde. Hoffnung, dass der lebendige Christus selbst sich Zugang verschafft in die geschlossene Gesellschaft und die abgeriegelte Seele. Um sich an die Stelle der Angst zu setzen. Um Frieden zuzusprechen und höchst persönlich sagt: „So, und nun mach die Riegel los!“ Hoffnung, dass Christus selbst das Entscheidende tut. Auch wenn es darüber Abend wird.

Gebet:

Christus, Du weißt, wie schnell ich im Vertrauen auf Dich an die Grenzen meiner Angst stoße und wie schnell ich mich verschließe. Ich bitte Dich: Überwinde Schloss und Riegel! Und wenn schon nicht ein für allemal, dann immer neu! Amen.

Dirk Klute