Wie von Gott reden ? ( Andacht für November )

Wie von Gott reden?                                               Augustinus und das Kind am Meer, S. 181

Wir haben einen Hund: Sally. Gut sieben Kilo, weißes Fell, bräunliche Ohren. Reagiert auf das Knistern von Bäckertüten, bellt, wenn es klingelt, ist oft ängstlich. Kuschelt gern, hört gelegentlich auf Anweisungen. Hauptinteresse: Fressen.

 

Manchmal reden Leute so über Gott wie ich über Sally: Gott ist so und so. Gott will dies, Gott sagt das, Gott hat das und das vor und hat sich das und das dabei gedacht.

Ich finde es schwierig, so über Gott zu reden. Ich habe Gott ja noch nicht so gesehen wie Sally und Gott auch noch nicht so unmittelbar gehört, gefühlt. Außerdem: Auch wenn es schwierig ist, etwas über Gott zu sagen – so viel wohl schon: Dass Gott „größer“ ist als mein Herz, als mein Verstand, als mein Erkennen, als meine fünf Sinne. Sally finde ich leicht durchschaubar. Ich kann manchmal gut vorhersagen, wie sie reagieren wird. Das ist bei Gott völlig anders. Auch wenn es Leute gibt, die sich genau das ziemlich selbstüberzeugt einbilden.

 

Und nun? Über Gott schweigen? Nichts sagen? Gott als Tabu? Es gibt ja drei große Tabu-Themen: Sex, Tod, Glaube. Es wechselt, welches davon gerade mehr tabuisiert wird und welches weniger. Es gibt auch Leute, die dauernd das eine oder das andere auf den Lippen führen. Aber selten alle drei Tabu-Themen gleich intensiv. Mehr das eine ODER das andere.

Es ist bestimmt kein Zufall, dass diese drei Tabu-Themen zugleich diejenigen sind, die fast jeden etwas angehen. Kaum jemand kann sagen: „Sexualität? Habe ich nicht, interessiert mich nicht!“ Kaum jemand kann sagen: „Tod? Ich bleibe einfach leben!“

Und: Kaum jemand kann sagen: „Glaube? Betrifft mich nicht!“ Sie widersprechen? Gut, Sie können „Gott“ oder „die Religion X oder Y“ ausklammern, sich zum Atheisten, Agnostiker oder sich für „religiös unmusikalisch“ erklären. Aber Sie kommen nicht drum herum, was Ihr Lebens-Fundament ist, was Sie trägt. Ob, warum und wofür es vielleicht gut sein könnte zu leben. Alles „Glaubens“-Fragen. Auch wenn Sie sich damit ohne religiöses Vokabular beschäftigen und die Dinge mit Ihrem völlig weltlichen Therapeuten diskutieren.

Sex, Tod, Glaube. Alles Themen, die unmittelbar mit „Leben“ und „Lebendigkeit“ zu tun haben. Und mit der Bedrohung von „Leben“ und „Lebendigkeit“.

 

Tabus sind meistens verkehrt. Was nicht heißt, dass ich immer alles und überall mit allen breittreten muss. Drüber reden – ja! Und für sich möglichst klar haben: Mit wem? Wann? Wo? Wie?

Also nochmal: Über Gott schweigen? Weil es so schwer ist, angemessen über Gott zu reden? Oder weil es zu persönlich ist, eben doch ein „Tabu“? Ich finde: Schweigen ist keine gute Lösung. Zumindest dann nicht, wenn Sie von Gott berührt, erfüllt, beseelt sind. Das ist ein bisschen wie frisch verliebt: Wenn Lieschen Müller völlig hingerissen von Otto Meier ist, obwohl (vielleicht: weil) sie ihn gar nicht richtig kennt, wird sie wahrscheinlich ihrer besten Freun­din berichten: von ihrem Schwarm, von ihren Gefühlen. Wenig „harte Fakten“ über ihn (die hat sie ja gar nicht), aber davon, was er in ihr auslöst. Vielleicht gerät das Ganze in ein Stammeln. Oder ins Jubeln. Vielleicht sogar tatsächlich in ein Schweigen. – Die „heimliche Liebe“. Aber irgendwann muss sie wahrscheinlich doch raus.

 

Es hat mal einen Theologen gegeben, der war dafür: Nicht „über“ Gott reden, sondern „von“ Gott reden! „Über“ Gott, das wäre wie über eine Sache, ein „Objekt“. Wie der Mineraloge über seine Steine oder der Bäcker über sein Brot. „Von“ Gott reden, das wäre aus der eigenen Betroffenheit heraus. Wie ein Verliebter, ein Trauernder, ein Wütender. Wobei: „über“ und „von“, so haarscharf lässt sich das gar nicht trennen. Der Mineraloge wird auch eingenommen sein von seinen Steinen und der Bäcker von seinem Brot – hoffentlich.

 

„Über“ und „von“. Ich setze noch ein drittes Wörtchen drauf. Wenig „über“ Gott reden, mehr „von“ Gott reden, aber vor allem: „mit“ Gott reden! Das geht auch ohne viel Wissen. Das Baby muss ja auch nicht erst die Lebensgeschichte der Eltern oder auch nur die Namen kennen, um Kontakt zur Mutter, zum Vater aufzunehmen.

 

„Von“ Gott statt „über“ Gott. Aus der eigenen Betroffenheit heraus von Gott sprechen, das braucht dann Sätze, in denen „ich“ auch vorkomme. Vielleicht so: „Ich glaube von Gott, dass“; „Ich verstehe Gott so, dass“; „Gott begegnet mir in dieser Bibelgeschichte so und so“; „Mich spricht da an, dass“.

 

Wie spricht die Bibel von Gott? Es gibt da ja so unterschiedliche Text-Sorten: Lieder, Gebete, Prophetenworte, Sprichwörter, Lebensregeln, „Gebote“. Vor allem: Geschichten, Geschichten, Geschichten. Gott – in den Geschichten, die Menschen mit ihm erlebt haben. Und in ihren Deutungen über ihre persönliche Geschichte, die ihrer Sippe, ihres Volkes, ihrer Welt. Das wäre doch auch eine Anregung für uns, oder? Wie käme Gott vor – in meinen Geschichten? Wie käme Gott vor in meiner Lebens-Geschichte?

 

Was Sie aber nur sehr spärlich in der Bibel finden: lehrbuchartige, „dogmatische“ Abhandlungen über Gott. Mit allgemeinen Sätzen, wie Gott ist und was er will, ist „die Bibel“ ziemlich zurückhaltend. Was das angeht: Weitgehend Fehlanzeige.

 

Und Jesus? Wenn Jesus von Gott oder von Gottes Reich spricht, dann erzählt er ebenfalls gern. Teils knappe Bilder, teils einfache Vorgänge, teils richtige Geschichten mit Anfang und Ende. Der Über-Begriff: „Gleichnisse“. Besonders viel aus einem Bereich, der seinen Zuhörern vertraut ist – die Landwirtschaft: vom Sämann, der die Saat ausstreut; vom Korn, das von selbst wächst; vom kleinen Senfkorn, aus dem ein großes Gewächs wird; ein Schäfer, der ein Schaf wiederfindet; ein Weinbergbesitzer und seine Pächter; ein Bauer, der beim Pflügen nicht zurück schaut … Oder der Haushalt: der Sauerteig beim Brotbacken; ein verlorenes und wiedergefundenes Geldstück. Oder längere Geschichten. „Der verlorene Sohn“ zum Beispiel.

 

WAS Jesus erzählt, das ist das eine. VON Jesus zu erzählen, das ist das andere. Und dieses „andere“, also VON Jesus zu erzählen, davon kann man sagen: So sprechen speziell die Christinnen und Christen von Gott. Auf den Punkt gebracht, finde ich das – nun doch lehrbuchmäßig formuliert – im Kolosser-Brief:

 

 

(Eure) Herzen (sollen) gestärkt und zusammengefügt werden in der Liebe und zu allem Reichtum an Gewissheit und Verständnis, zu erkennen das Geheimnis Gottes, das Christus ist, in welchem verborgen liegen alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. (Kolosser 2, 2-3)

 

 

Christus – wie der Brennpunkt einer Linse. In ihm: das Geheimnis Gottes; alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis. – Und wie kann ich die dann heben, diese Schätze? Naheliegend wäre dann doch zu sagen: „Na, da lese ich die vier Evangelien im Neuen Testament! Da finde ich doch beisammen, was von Jesus zu erzählen ist!“ – Gute Idee! Es geht aber auch noch etwas spezieller. Hören wir mal auf Paulus:

 

 

 

Und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.  (2. Korinther 5, 16)

 

 

Das verstehe ich so: Das Erdenleben des Jesus von Nazareth, wer er so war und was er so sagte und tat, findet Paulus gar nicht so interessant. Er beruft sich in seinen Briefen übrigens auch nur selten auf Jesus-Worte, erzählt gar nichts von Heilungsgeschichten o.ä.

Sondern was interessiert Paulus? Jesu Tod am Kreuz und seine Auferweckung! Das ist für ihn der Brennpunkt der Sache zwischen Gott und Mensch. Da kommt Gott dem Paulus – und Ihnen und mir – ganz entgegen, da wird er einer von uns. Gottes totale Solidarität – unsere Erlösung!

 

 

Gebet:

Gott, meine Worte von Dir können Dich groß machen oder klein. Können Dir die Ehre geben oder Dich verwerfen. Gott, gib mir nicht zu viele, aber gute Worte, Dich zu glauben und von Dir zu sprechen! Amen.